„Sei der Du bist“

Schlichte vier Worte aneinander gereiht… „Sei der Du bist!“. Dieser Satz beschäftigt mich seit Wochen, weil er so unglaublich viel beinhaltet. Leider habe ich nicht herausfinden können, wer ihn einmal gesagt hat. Und plötzlich war für die Frage da: „Wer bin ich, um die sein zu können, die ich wirklich bin?“ So begann meine Reise – irgendwie mit mir selbst zu mir selbst.

Viel von dem ich glaubte, zu sein, war mein „Außen“, aber nicht mein „Innen“. Es gab viele Momente, in denen ich spürte, ich bin nicht ich, sondern das, was man aus mir „gemacht“ hat – und das, was ich habe aus mir machen lassen. Vollgestopft mit alten Denkmustern, die mich seit Kindheit begleitet haben, geprägt von allem, was mich möglichst „pflegeleicht“ hat werden lassen. Übernommene Glaubensmuster von Eltern oder anderen Menschen, die ich aber nie überprüft habe, ob sie wirklich so stimmen. Für mich stimmen. So, wie man sich in Kleider quetscht, die einem eigentlich zu klein sind, aber die dann aber doch schon irgendwie halbwegs „passen“. Man fühlt sich nicht wirklich wohl in ihnen, sie zwicken, werfen Falten, aber man ist zu bequem, sich ein neues zu kaufen. Also: nach fast einem halben Jahrhundert wurde es jetzt Zeit, herauszufinden, wer ich eigentlich wirklich bin.

Wenn man meinen alten Job weglässt, mein weniges Hab und Gut, meinen (Minus-) Kontostand – was bleibt also? Außer meinem Sein? Am Besten konnte ich auf die Suche gehen in der Stille. Ohne „Außen“. Ohne alles, das ablenkt, das stört, mich an dem, was ich vielleicht fühlen könnte, hindern könnte. Ich habe so viel hinterfragt und musste erst einmal sortieren, was sind „meine“ Gedanken dazu und was sind die „anderer“.

Die Bilanz war eigentlich erschreckend und wider Erwarten gleichzeitig eine immense Chance: Ich habe mich gefragt, wie oft habe ich die Erwartungen anderer erfüllt und nicht meine eigenen? Wie oft habe ich aus Scheu vor Konsequenzen lieber Situationen ausgehalten, bevor ich gehandelt habe? Wie oft war mir wichtiger, was andere über mich denken könnten, als das, was ich über mich selbst denke? Wie oft habe ich Dinge getan, die ich eigentlich nicht tun wollte, habe sie aber trotzdem getan? Wie oft habe ich viel lieber die Bedürfnisse anderer befriedigt als meine eigenen? Wie oft habe ich gedacht, ich kann eine Situation nicht ändern, weil sie statisch zu sein scheint? Wie oft gedacht, ich muss erdulden oder leiden, weil ich es ja sowieso nicht ändern kann? Wie oft war der Maßstab „die anderen“ und wie oft habe ich das vergessen, was ich selbst an Fähigkeiten habe? Wie oft habe ich gedacht, ich lebe, bin aber weit weg von dem, was man „lebendig“ nennt? Wie oft Angst gehabt vor Situationen, die mir als „schlimm“ beigebracht wurden, die es aber eigentlich nicht wirklich sind. Wie oft gedacht: Ich kann das nicht? Die Antwort auf alle Fragen: Viel, viel zu oft.

Hatte ich eine Frage für mich gelöst, kam schon die nächste. Das war ein Prozess, der sich über Wochen hinzog. Manchmal war es wie eine Zwiebel, jede beantwortete Frage glich einer Schale, die sich abpellte.

Ich kann nicht einmal sagen, dass ich mich daran erinnert habe, wer ich bin. Denn ich glaube, es war so etwas wie eine neue Definition. Fazit: Ich bin einfach ich. Mit meinen eigenen Gedanken, meinen eigenen Maßstäben, meinen eigenen Werten, meinen eigenen Vorstellungen, Träumen und Wünschen. Mit dem Recht auf einen eigenen und freien Willen, auf eine eigene Entscheidung. Nicht darauf angewiesen, was andere Menschen von mir denken, glauben oder meinen. Denn ich bin die Einzige, die sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Niemand ist in meinen Schuhen gegangen und wird je in meinen Schuhen gehen – ich alleine bin dafür verantwortlich, was ich sage, tue und denke.

„The secret to change is to focus all of your energy, not to fight the old, but on building the new“ (Socrates)

Für Uwe Scharping

 

 

 

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Was mir Angst macht…

Wir lassen uns vom Terror nicht einschüchtern! Welch große Aussage. Eigentlich. Wir machen weiter, jeder von uns macht weiter wie bisher. Geht seinen Weg, seinem Alltag nach und was auch immer. Aber so einfach ist es nicht. Zumindest für nicht für mich. Ich halte die Aussage grundsätzlich für richtig. Sich nicht einschüchtern zu lassen, von dem, was ist und was noch kommen könnte. Das hört sich gut an.

Aber die Veränderung, die in mir begonnen hat ist älter als die Horrormeldungen, die sich mittlerweile täglich ereignen. Ich habe irgendwann aufgehört, zu schreiben, was ich denke, weil ich sofort in eine Schublade – in eine politische Schublade – gesteckt wurde. Ich war es leid, angefeindet zu werden, weil ich die Dinge, die mich als Mensch beschäftigen und bewegen aufgeschrieben und/oder in sozialen Netzwerken sichtbar gemacht habe. Ja, es ist MEINE Veränderung. Und sie fühlt sich nicht richtig an.

Dann habe ich mich gefragt: Was ist so falsch daran, zu schreiben, wie ich mich mit dem „Außen“, das jetzt gerade ist, fühle? Nichts. Und manchmal muss man vielleicht auch einfach aushalten können. Getreu dem Motto: Man kann es sowieso nie allen recht machen.

Ja, mir machen viele Dinge Angst. Ja, ich lebe in einem „sicheren“ Land. Aber reicht mir das? Ich erlebe keinen Krieg, muss keine Angst haben, dass meine Familie oder mein Dach über dem Kopf zerstört wird.

Aber ich sehe auch, was in unserem Land geschieht. Ich lebe in einer Demokratie, fühle mich aber von denen, die „mich“ vertreten, weder ernst genommen noch verstanden. Und wieder werde ich vor einem Wahlzettel stehen und mir überlegen, was das kleinste Übel ist, anstatt zu sagen: JA! Diese Partei werde ich wählen, weil sie nicht nur meine Meinung, sondern auch meine Interessen vertritt.

Ich will, das Menschen, die Tag und Nacht für mich im Einsatz sind, gerecht, fair und mit Respekt behandelt werden, wenn sie schon den Kopf für mich mit hin halten. Ich mag keine Bilder mehr sehen, in denen Einsatzkräften Gewalt angetan wird, sie beleidigt und bespuckt werden und sich die Täter über die laschen Strafen kaputtlachen.

Ich will sagen können, dass ich für die Menschen bin, die aufgrund der Umstände in ihrem eigenen Land hierhergekommen sind, aber diejenigen verurteile, die hier Straftaten begehen. Ich mag gerne von anderen Menschen etwas über ihre Kultur und ihr Leben lernen, aber nicht, um mich zu unterwerfen, nur weil ich anderer Meinung oder Religion bin. Und ohne dass ich sofort wieder in eine rassistische Ecke gestellt werde.

Ich will keine alten Menschen mehr sehen, die auf der Straße nach Pfandflaschen suchen, um nach jahrzehntelanger harter Arbeit ihre kärgliche Rente aufzubessern. Die sich schämen müssen für das, was sie jetzt haben. Ich will keine Millionen und Milliarden mehr in sinnlose Projekte versickern sehen, die kein Mensch braucht.

Ich will Menschen mit Mut, die in ihren Positionen für Veränderungen sorgen. Die dafür sorgen, dass Gerechtigkeit wieder dem Empfinden entspricht, das ich und jeder andere hat. Ich will keine Weichspülerei mehr für Straftäter nur weil man die Gesetze, die wir haben, nicht nutzt und damit den Opfern jedes Mal ins Gesicht schlägt.

Ich will, dass es wieder ein Miteinander gibt, im Außen und in den sozialen Netzwerken und nicht nur jeder für sich sein Leben lebt und jeder jeden attackiert, weil es vielleicht nicht der gewohnten oder anerzogenen Norm entspricht.

Das sind die Dinge, die MIR gerade Angst machen.

Und nun: Möge der shitstorm beginnen…

Die eigene Endlichkeit. Annehmen, was ist

Plötzlich ist er da. Der Moment, der immer so weit weg schien. Der Moment, in dem mir die eigene Endlichkeit vor Augen geführt wird. Nicht das erste Mal, aber dieses Mal trifft es mich wie Hammer auf Kopf. Viele Momente ziehen an mir vorbei – kurioserweise sind es die traurigen und nicht die schönen. Die, die mir in diesem Moment Halt geben könnten, sehe ich nicht.

Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Warum weiter quälen, warum weiter kämpfen? Warum weitermachen, wenn doch absehbar ist, dass es nur wieder ein Kampf von vielen sein wird und auch ganz sicher nicht der letzte ist. Ich verliere mich Stück für Stück und habe das Gefühl, nichts lohnt mehr. Der Körper kämpft, mein Geist kämpft. Er will die schönen Bilder sehen, die sich aber nicht zeigen wollen. Der Glaube an mich selbst fängt an zu zerfallen. Ich bin müde geworden. Und ich bin körperlich um Wochen, wenn nicht Monate zurückgeworfen.

Dann kommt der Augenblick, in dem ich aufhöre zu Kämpfen. Es scheint so sinnlos, und mein Kampfgeist erlischt. Ich kann nichts mehr tun, außer das zu Akzeptieren, was gerade ist. Ein Krankenhausbett, Schmerzen und das „nichts mehr tun können“. Nicht mehr fähig sein, aufzustehen, sondern nur zu liegen. Vielleicht gebe ich auch einfach ab. Ab „nach oben“, weil ich selbst nicht mehr die Kraft habe, alles alleine zu tragen. Ich versuche, loszulassen. Meine Vergangenheit, meinen Schmerz, meine Trauer, meine Wünsche, meine Erwartungen, meine Angst, mein Ego… Alles. Mein Kopf will wie immer durch die Wand und sagt: „Aber Du musst doch… Dies, das, jenes“. Aber ich muss gar nichts mehr. Ich habe auch gar nicht mehr die Kraft für das „Müssen“. Ist das der Moment, in dem ich unbewusst entscheide, wie es ausgehen wird? Ist es der Augenblick, der entscheiden wird, ob ich weiterleben werde oder nicht? Ich weiß es nicht.

Aber ich nehme an. Genau das, was ist. Akzeptiere, dass vieles nicht mehr in meiner Hand liegt. Mir fehlt die Geduld, aber ich merke, dass ich meinen Körper nicht (be)zwingen kann, auch wenn mein Geist wieder stärker wird.

Und ich habe es – mal wieder geschafft. Es gibt mich immer noch. Irgendetwas tief in mir weiß es einfach, dass alles genau so seinen Sinn hat. Und dieses Wissen, das ich nur spüren, nicht wirklich erklären kann, gibt mir auf einmal Halt. Wieviel Zeit habe ich investiert in die Vergangenheit, in Dinge, die mich verletzt und traurig gemacht haben. Wieviel Zeit verschwendet, um mich über Dinge aufzuregen, die ich letztlich nicht ändern kann. Und die letztlich so belanglos sind. Wann habe ich das letzte Mal für mich selbst gekämpft. Um Wünsche, Träume und meine eigenen Bedürfnisse wahr zu machen, statt sie selbst nur zu belächeln, weil ich so viele Jahre geglaubt habe, ich bin es nicht wert.

Vielleicht hat es dieses 5:0 gebraucht, um genau das endlich verstehen zu können. Mich gibt es weiterhin. Wann meine Zeit um sein wird, weiß nur der da oben. Aber eines weiß ich sicher – ich habe mich verändert und meine Zeit ist kostbar geworden. Und genau so werde ich mit ihr ab sofort umgehen…

 

 

 

100 Stimmen in mir

Es gibt sie. Die beschissenen Tage, die so beschissen sind, dass ich das passende Wort dafür noch erfinden müsste. Mein Untermieter, Mr. Crohn hat zugeschlagen. Er hat es nicht nötig, sich groß anzumelden, er liebt manchmal die großen Überraschungsauftritte und schickt keine Vorboten, um mich auf seinen Überfall vorzubereiten. Nein, er nimmt gleich die große Keule. Der beschissene Tag beginnt damit, dass ich nicht mehr weiß, wo ich mich vor Schmerzen lassen soll. Drei Stockwerke werden zur schier unüberwindbaren Hürde, Autofahren ist gestrichen und es bleibt…erst einmal nichts. Außer dem Aushalten.

Und plötzlich sind sie da: So viele Stimmen in mir, die reichen würde, um eine eigene Volkszählung durchzuführen.

„Oh Mann, fängt der Tag beschissen an!“ (Feststellung des Tages). „Hab ich überhaupt noch was zu essen da?“ (Welch lustige Frage, denn Essen geht sowieso nicht.) „Ingrid, bleib ruhig, vielleicht ist es in ein paar Tagen besser!“ (Die Ermahnende und Zuversichtliche). „Hast Du genug frische Wäsche, falls Du ins Krankenhaus musst?“ (Die Paniktante in mir, der man als Kind schon beigebracht hat, nie ohne frischen Schlüppi aus dem Haus zu gehen, weil man ja nie weiß, was passiert. Mami, ich hab Dich echt lieb!). „Ich hab bald keine Lust mehr, mit diesem Pulverfass namens Crohn zu leben. Und werde echt müde, immer wieder zu fallen und wieder aufzustehen! Ich will das alles nicht mehr!“ (Die Verzweifelte schafft sich gerade Raum). „Wo ist die Tasche, falls ich in die Klinik muss? Hab ich im Auto genug Sprit?“ (Die Hektische greift um sich). „Warum schaffen wir es, auf den Mond zu fliegen und finden kein Medikament gegen diese Erkrankung?“ (Das Kind in mir will einfach nur in den Arm genommen werden und getröstet werden – und keine schlauen Ratschläge. Sondern einfach nur jemanden, der sagt: „Es wird alles gut“). „Du kleiner beschissener Untermieter, weißte was? Du kannst mich mal!! Dir werde ich es zeigen! PAH! Wer bist Du denn schon?“ (Ein kurzer Mutausbruch, der einfach mal klar machen soll, wer hier die Macht und das Sagen hat). „Ich möchte einfach nur gesund sein und ein ganz normales Leben haben!“ (Die Neidische in mir hat ihren ganz großen Auftritt). „Du musst trinken, trinken, trinken, wenn Du schon nichts essen kannst!“ (Der große Angsthase in mir wird wach und hat gleich mal sämtliche Erinnerungen der letzten Schübe mit im Gepäck – und die können nur Angst machen). „Warte erst mal ab, was morgen ist. Vielleicht ist es ja schon viel besser!“ (Ich liebe die Hoffende in mir – einfach auf morgen warten und es aussitzen). „Du hast schon beschissenere Tage als diesen gehabt. Nu stell Dich nicht so an!“ (Die Realistin in mir, versucht, nur die Fakten zu sehen und nicht die Packung durchweichter Taschentücher neben mir). „Los, beweg Deinen Hintern! Irgendwie wird es schon gehen!“ (Die Kämpferin darf jetzt auch mal. Aber nichts geht! Nichts!)

Einfach mal die Schnauze halten!!!! ALLE!!! SOFORT!!!! Leider reagiert nur keine so richtig drauf. Meine Besucher bleiben und haben mich zwischenzeitlich schon schön weich gekloppt. Irgendwie stehe ich den Tag durch und falle mit den Hühnern ins Bett. Die Nacht wird lang – sehr lang. Aber heute morgen hatte die Zuversicht, die Hoffnung und die Kämpferin gewonnen 🙂 Zumindest für dieses Mal….

 

 

 

Wann fängt Weihnachten an…

Es war ein anstrengendes Jahr 2016. Nicht nur für mich, sondern auch für so viele andere.

Und im Gegensatz zu den letzten Jahren, in denen die Vorweihnachtszeit voll gepackt war mit Plätzchen backen, Weihnachtsmärkten besuchen, die Wohnung weihnachtlich schmücken und auf die Suche nach Geschenken für die Liebsten gehen, ist dieses Jahr alles anders.

Für mich war Weihnachten schon immer eine Herausforderung. Weil es auch die Zeit im Jahr ist, in der man die, die nicht mehr bei oder mit uns sind, am allermeisten vermisst. Ich habe dieses Jahr einige liebe Menschen verloren, loslassen müssen, wo ich noch so gerne festgehalten hätte. Und wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke und Bilanz ziehe, dann war es für mich eines der anstrengendsten überhaupt. Damit bekommt Weihnachten auf einmal eine ganz andere Bedeutung.

Ausgelöst durch einen facebook-Post von mir weiß ich, dass es noch viele andere gibt, für die Weihnachten keine schöne Zeit sein wird. Es ist möglicherweise niemand mehr da, für den man Geschenke kaufen kann, es gibt niemanden mehr, mit dem man über Weihnachtsmärkte bummeln kann, zusammen Plätzchen backen kann und so vieles mehr. Es macht traurig und in dieser Zeit ganz besonders.

Aber vielleicht ist Weihnachten damit eigentlich gar nicht schlechter, sondern einfach nur anders. Vielleicht ist es die Chance, sich auf das zu besinnen, was Weihnachten wirklich ausmacht. Es sind nicht die Geschenke, das Glühweintrinken, der alljährliche Trubel, der Weihnachten ausmacht.

Für mich wird es trotz allem oder vielleicht gerade deshalb die Zeit der Dankbarkeit sein. Dankbarkeit den Menschen gegenüber, die einen weiten Weg mit mir gegangen sind und ihn immer noch gehen. Dankbarkeit für das, was mir geblieben ist, auch wenn es in den Augen vieler anderer nicht mehr viel sein mag. Dankbarkeit für die, die nicht mehr bei mir sind, weil sie viel zu früh abberufen wurden, aber in meinem Leben so wichtig waren. Dankbarkeit, dass ich trotz meiner Erkrankung morgens aufstehen kann und auch wenn es keine großen Schritte mehr sind, die ich gehen kann – ich bin dankbar für die kleinen. Ich bin dankbar für den einen Menschen, nämlich den Schauspieler Marc Habel, der sich bei facebook jeden Tag die Mühe macht, einen Adventskalender mit Texten zu sprechen, Tag für Tag – und er macht mir  – und vielen anderen – damit eine unendliche Freude. So viele kleine Dinge können so groß sein…

                                        Wann fängt Weihnachten an?

von Rolf Krenzer

Wenn der Schwache dem Starken die Schwäche vergibt,
wenn der Starke die Kräfte des Schwachen liebt,
wenn der Habewas mit dem Habenichts teilt,
wenn der Laute mal bei dem Stummen verweilt,
und begreift, was der Stumme ihm sagen will,
wenn der Leise laut wird und der Laute still,
wenn das Bedeutungsvolle bedeutungslos,
das scheinbar Unwichtige wichtig und groß,
wenn mitten im Dunkel ein winziges Licht
Geborgenheit, helles Leben verspricht,
und du zögerst nicht, sondern du gehst,
so wie du bist, darauf zu,
dann, ja dann
fängt Weihnachten an.

Leben mit MC – Beschissen bis heiter

Manchmal wünsche ich mir wirklich, dass mal jemand fragt:“Du, wie ist das eigentlich so, mit Morbus Crohn zu leben?“ Jemanden, den das wirklich interessiert und der wirklich wissen will, wie sich das Leben mit Mister Crohn im Alltag so gestaltet.

Wie es so ist, wenn man Pläne und Träume hatte und Mister Crohn alles auf den Kopf stellt. Wie es sich anfühlt, wenn er wieder mal zugeschlagen hat und ich nicht weiß, ob und wie ich den nächsten Schub schaffen werde. Wenn ich mal wieder in der Notaufnahme des Krankenhauses stehe und weiß, ich darf wieder einchecken. Wenn ich mich auf etwas freue und dann absagen muss, weil ich mehr Zeit auf der Toilette verbringe als in der restlichen Wohnung und an weggehen gar nicht denken brauche.Wenn ich down bin und einen Hänger habe, weil mich die Erkrankung manchmal einfach traurig macht. Und ich manchmal einfach an die alten Zeiten zurückdenke, die manchmal zu einem anderen Leben zu gehören scheinen.

Dann gibt es aber auch die schönen Momente, in denen ich vergessen kann, wie krank ich bin. In denen ich mich Dinge traue und denke: „Scheiß drauf! Heute gewinne ich!“ Aber das ist ohne Frage tagesformabhängig.

Und da mir man meine Erkrankung nicht ansieht wie ein Gipsbein, habe ich angefangen, viele Situationen aus meinem Leben mit MC aufzuschreiben. Vom Kleiderkauf, von den Sorgen und Nöten, die man als MC-Kranker so im Alltag hat bis hin zur Tatsache, auf einmal berentet zu sein – eben einfach Situationen von beschissen bis heiter. Mal mit einer ordentlichen Portion Humor, manchmal nachdenklich, aber immer ehrlich. Und verbunden mit dem großen Wunsch, dass es  für ein besseres Verständnis für uns MC-ler sorgt.

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coverbild

 

Leben mit MC – „Liebe mich dann…

… am meisten, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am nötigsten.“ (Helen Keller) Und manchmal denke ich, keine Aussage trifft auf mich besser zu als diese. Ich finde, das Leben mit MC ist manchmal schon mehr als anstrengend – und das Lieben noch mehr.

An schlechten Tagen ist mir manchmal so sehr nach Nähe, aber ich kann sie nicht zulassen, weil die Schmerzen mich schon ziemlich mürbe gemacht haben. Ich wirke abweisend oder zurückweisend. Obwohl in mir alles danach ruft, mich in Deinem Arm zu verkriechen, kann ich es nicht.

Manchmal bin ich ungeduldig, weil mir die „schlechte“ Zeit nicht schnell genug umgeht. Und ich selbst so sehr darauf warte, wieder mehr machen zu können. Schlechte Tage ziehen sich in meiner Welt wie ein Kaugummi, in denen Sekunden zu Stunden werden.

Manchmal stoße ich Dich zurück, obwohl es mir selbst hinterher unendlich leid tut. Aber manchmal möchte ich nicht, dass Du siehst, wie schlecht es mir gerade geht. Auch wenn ich weiß, dass Du es mir sowieso ansiehst.

Manchmal bin ich zickig oder vielleicht auch ungerecht. Nicht, weil ich Dich nicht mehr liebe, sondern weil mich meine Erkrankung mal wieder spüren lässt, dass ich genau jetzt an meine eigenen Grenzen komme.

Manchmal bin ich einfach traurig. Weil ich mich an die Zeiten erinnere, in denen ich noch gesund war und Krankheit in meinem Leben keine Rolle gespielt hat. Und mir die Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit einfach sehr weh tut.

Manchmal ist der kleine Funken Angst in mir, Dich zu verlieren, weil ich nicht mehr gesund bin und Dir immer wieder so viel zumute. Auch wenn es albern ist. Aber ich habe ein Mal die Erfahrung machen müssen – und die bleibt.

Manchmal schäme ich mich für meinen Körper, weil er so viele Narben trägt und ich mich nicht mehr schön fühle. Auch wenn sie Dich nicht stören. Und ich hatte unendlich Angst vor dem Moment, in dem Du sie sehen wirst.

Manchmal wirke ich stärker, als ich eigentlich bin. Weil ich nicht möchte, dass Du weißt, wie schwach ich in Wirklichkeit gerade bin.

Manchmal fehlt mir die Kraft, an mich selbst zu glauben, auch wenn Du es tust.

Manchmal tut es mir unendlich leid, wenn es wieder einmal anders kommt, als geplant. Wieder mal ein Plan ins Wasser fällt, weil der MC andere Pläne hat.

Manchmal beneide ich Dich um die Power, die Du hast – besonders, an den Tagen, den denen sie mir selbst fehlt.

Immer werde ich jedoch dankbar sein, für jeden Schritt, den Du mit mir gehst und für jede Minute, die Du mit mir teilst.